23 Juli 2010


Die Angelegenheit ist bierernst für die New Orleans Hornets, deren missmutiger Point Guard Chris Paul in den letzten Tagen öffentlich einen Trade verlangt hat. Bevor sich die Verwantwortlichen ab Montag in Person von Head Coach Monty Williams (der vor allem wegen Paul den Job überhaupt angenommen hatte) und General Manager Dell Demps (der sich die ersten Tage im Job sicherlich etwas weniger turbulent gewünscht hatte) mit Paul zusammen setzen, wagen wir schon Mal einen kurzen Blick zurück auf ähnliche Situationen in den letzten knapp 30 Jahren. Schon öfters hatte sich ein Starspieler mit seinem aktuellen Team überworfen, war unzufrieden mit den eigenen/kollektiven Aussichten oder wollte es einfach ein bisschen wärmer haben.

Wenn New Orleans tatsächlich feststellen sollte, dass es keinen Sinn mehr macht, um seinen 25-jährigen Franchise-Spieler herum aufzubauen, wird die logische Frage sein: wieviel darf/muss man im Gegenzug verlangen für den besten Point Guard der Liga, der erst in 3 bis 4 Jahren seine Leistungsgrenze erreicht haben wird ? Wie erging es ähnlich geplagten Teams, die ihren besten Spieler inmitten (oder vor) dessen Glanzzeit wegtraden mussten, um wenigstens noch 95 Cent für den Dollar zu kassieren ? Und lohnt sich das überhaupt ?

Charles Barkley (29 Jahre)
Saison: 1992/93
von: Philadelphia 76ers
nach: Phoenix Suns
Almosen: Jeff Hornacek, Andrew Lang, Tim Perry

Mikroskop: die Sixers waren in einer Sackgasse angelangt. Direkt vor dem Trade in der Offseason hatte man erst zum zweiten Mal in 16 Jahren die Playoffs verpasst. Man verschlechterte sich ohne Barkley von 35 auf 26 Siege und dümpelte jahrelang in den Niederungen der NBA-Tabelle herum. Es dauerte weitere 6 Jahre, bis man wieder in die Postseason kam. Für Phoenix war der Trade Gold wert. Obwohl schon ohne Sir Charles ein potentes Playoff-Team (53-29), wurde man dank des charismatischen 'Round Mound of Rebound' über Nacht zu einem Meisterschaftsanwärter. Barkley wurde in seiner ersten Spielzeit MVP, die Suns gewannen 65 Spiele und die Western Conference. Erst Michael Jordan und die Bulls konnten die brennend heissen Sonnen in jenem Jahr stoppen. Phoenix holte in den ersten drei Jahren nach dem Barkley-Trade 177 seiner 246 Regular Season Spiele und blieb ein absolutes Power House im Wilden Westen.

Chris Webber (21 Jahre)
Saison: 1993/94
von: Golden State Warriors
nach: Washington Bullets
Almosen: Tom Gugliotta, 3 Erstrundenpicks

Mikroskop: Golden State hatte in Webber's Rookie-Jahr 50 Spiele gewonnen und war eines der vielversprechendsten jungen Teams der Liga. Dann kam der Krach zwischen dem ROY und Coach Don Nelson - Webber hatte keinen Bock mehr auf die Bay und forderte vehement einen Trade. Erstaunlicherweise half der Deal keinem Team zunächst weiter. Die Bullets, Webber's neues Team, fielen von 24 auf 21 Siege ab. Erst danach fand sich die junge Truppe, gewann in den nächsten drei Jahren etwas mehr als die Hälfte seiner Spiele und erreichte einmal die Playoffs. Die Warriors hingegen konnte seit den Tagen von Chris Webber nie mehr an die Form von damals anknüpfen. Sie verloren gleich im ersten Jahr 56 Partien (26-56) und verpassten in den 16 Jahren seit dem Tausch sage und schreibe 15 mal die Playoffs.

Shaquille O'Neal (32 Jahre)
Saison: 2004/05
von: Los Angeles Lakers
nach: Miami Heat
Almosen: Lamar Odom, Caron Butler, Brian Grant, 1 Erstrundenpick

Mikroskop
: die Lakers waren gerade im NBA-Finale an den Detroit Pistons gescheitert, und die Kobe-Shaq Zweck-Schein-Ehe war am Ende. Einer der beiden Superstars musste gehen. Lakers-Manager Mitch Kupchak hatte die Qual die Wahl, und entschied sich für Kobe Bryant und gegen den nörgelnden O'Neal. Shaq wurde für drei gestandene Profis nach Miami getradet. Die Heat avancierten durch die Addition des dominantesten Big Man der Liga (der damals wirklich noch dominierte) zu einem Titelaspiranten, verbesserten sich um 17 Siege auf 59-23 und erreichten das Ost-Finale. Nur eine Saison später führte the 'Big Goofball' gemeinsam mit Dwyane Wade die Heat zu ihrer bisher einzigen NBA-Meisterschaft. Die Lakers indes verschlechterten sich von 56-26 auf 34-48 und verpassten die Playoffs (übrigens erst zwei Mal in den letzten 34 Jahren). Es folgten weitere zwei Jahre Mittelmaß (Playoff-Niederlagen in Runde 1), ehe das Team durch die Ankunft des nächsten Spielers in der Liste einen Turbo-Boost in Richtung Erfolg erfuhr.

Pau Gasol (27 Jahre)
Saison: 2008/09
von: Memphis Grizzlies
nach: Los Angeles Lakers
Almosen: Marc Gasol, Kwame Brown, Javaris Crittenton, Aaron McKie, 2 Erstrundenpicks

Mikroskop
: viele NBA-Fans haben den Grizzlies immer noch nicht verziehen für diesen historischen Deal, der im Februar 2008 stattfand und das Intro zu einer neuen Lakers-Dynastie repräsentiert. Was die meisten jedoch vergessen: Memphis hatte auch mit Pau Gasol nur poplige 22 Spiele gewonnen und steckte in der Sackgasse. Dementsprechend wurde der Franchise-Grizzly monatelang ligaweit angeboten. Mitch Kupchak, der Lakers-GM, ging in die Vollen, bot sage und schreibe 6 Spieler an für den All-Star und bekam den Zuschlag. Die Lakers erreichten wenige Monate später das NBA-Finale, verloren dort aber gegen die Boston Celtics. Seither gewann Lila-Gold 122 von 164 regulären Saisonspielen und zwei NBA-Titel. Gasol ist der beste All-Around Big Man der Liga. Auch für Memphis war der Trade kein 187. Nicht nur, dass Pau's kleiner Bruder Marc Gasol beim Tauschgeschägt abfiel. Der Move half dem Team auch beim geplanten Neuaufbau, man schaffte viel Platz unter dem Salary Cap, und erreichte mit einer vorwiegend jungen Mannschaft im vergangenen Jahr die beste Bilanz seit 2005/06 (40 zu 42 Siege).


Moses Malone (27 Jahre)
Saison: 1982/83
von: Houston Rockets
nach: Philadelphia 76ers
Almosen: Caldwell Jones, 1 Erstrundenpick

Mikroskop
: Jackpot für Philly, das sich den wohl besten Big Man der Liga inmitten seiner besten Tage abgriff. Houston war vor allem darauf aus, Geld zu sparen, und liess sich auf diesen Tauschhandel ein. Moses Malone schlug bei den Sixers ein wie eine Atombombe. Gemeinsam mit dem 'Doctor' Julius Erving führte er sein neues Team erst zu einer 65-17 Bilanz, dann souverän durch die Playoffs und schließlich ins gelobte Land: Philadelphia gewann 1983 seine dritte und bisher letzte NBA-Meisterschaft. Malone selbst wurde als Most Valuable Player geehrt. Die Sixers blieben auch in den nächsten vier Jahren ein Schwergewicht in der Eastern Conference. Houston stürzte zwar raketenmässig ab (von 46 auf nur noch 14 Siege), wurde dafür aber fürstlich entlohnt mit zwei Nummer 1 Picks in aufeinander folgenden Drafts. Die Rockets zogen erst Ralph Sampson, dann Hakeem Olajuwon, und hievten ein Jahrzehnt später ihrerseits zwei NBA-Banner unter die Hallendecke.

Es gab also schon mehrere Szenarien, die mit dem jetzigen in New Orleans vergleichbar sind. Vom Talentlevel her ist die Moses Malone-Situation am ehesten mit der von Paul zu vergleichen: beide standen kurz vor ihrer Glanzzeit und waren auf ihrer respektiven Position die Top-Option ligaweit. Andere Fälle (Shaq, C-Webb) haben gezeigt, dass es wenig Sinn macht, einen frustierten Topstar gegen seinen Willen zum Bleiben überreden zu wollen. Die Geschichten der Grizzlies oder der Rockets beweisen, dass man aus dem bevorstehenden Supergau durchaus gestärkt hervor gehen kann. New Orleans hat letzten Endes nur zwei Möglichkeiten: entweder CP3 jetzt gewinnbringend abstossen, oder aber die Saison mit Paul beginnen und dabei zusehen, wie dessen Frustration immer grösser wird, um ihn dann für nen Appel und 'n Ei im Februar zu verscherbeln.