08 Juli 2010


Es war März. Wir hatten ihn alle schon abgeschrieben. Die Testamente waren verfasst, der alte Krempel im Haus entsorgt, die Schläuche mit der künstlichen Ernährung abgezogen und der klapprige Rollstuhl verkauft. Der alte Celtics-Kobold lag zum Sterben bereit. Ende April sollte sein letzter Atemzug erfolgen, in der Erstrundenserie gegen die Miami Heat. Was dann passierte, versetzte die ganze Basketballwelt in Staunen: der Kobold machte es wie der alte Indianer in der Mars-Werbung. Die Boston Celtics gewannen plötzlich ein Spiel nach dem anderen und durchlebten ihren zweiten Frühling. Miami wurde weg geputzt, dann auch Cleveland und Orlando, bevor man dem NBA-Champion Los Angeles Lakers 7 hart umkämpfte Spiele in den Finals abtrotzte. Der unerwartete Run durch die Postseason untermauerte einmal mehr Rudy Tomjanovich's legendären Satz: "Never underestimate the heart of a Champion !"

Trotz der bittere Finalniederlage will Boston im kommenden Jahr noch einmal angreifen. Zunächst legte Coach Doc Rivers (der, wie ich öfters schon angefügt habe, wichtigste Mann im gesamten Celtics-Kollektiv) den Grundstein mit seiner Rückkehr auf die Trainerbank. Viele Celtics-Fans hatten einen Abschied Doc's befürchtet, der mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Diese hatte ihn aber selbst recht schnell dazu überredet, es noch einmal mit seinen C's zu versuchen. Doc ist durch seine Motivationsgabe und seine unnachahmliche Art, pausenlos die Einheit und das Team zu beschwören, für diese Mannschaft absolut unersetzlich. Ich lehne mich wohl kaum zu weit aus dem Fenster wenn ich behaupte: ohne Rivers fliegt Boston spätestens in Runde 2 aus den letzten Playoffs. Zwar verlässt der bisherige Defensivguru Tom Thibodeau das Team in Richtung Chicago. Mit Lawrence Frank, der als heissester Nachfolger gehandelt wird, würde Grün-Weiss aber einen absolut kompetenten Assistenzcoach hinzu gewinnen.

Dann einigte sich Mr. Celtic höchstpersönlich, Paul Pierce, mit dem Team auf eine Vertragsverlängerung. Pierce spielt weitere vier Jahre in Grün und kassiert dafür 61 Millionen Dollar. Mit dem liegen gebliebenen Geld wurde heute Ray Allen verlängert. Mr. Shuttlesworth bekommt einen 2-Jahres-Deal im Wert von 20 Millionen amerikanischen Geldscheinen. Das zweite Jahr ist eine Spieleroption, das heisst Allen kann im nächsten Sommer gehen, wenn er denn möchte. Viele Teams hatten Interesse an Allen - 'allen' voran Miami und New York. Ein Distanzschütze wie er (NBA-Rekord 8 Dreier in Spiel 2 der Finals) wird in jedem Roster gerne gesehen. Ein Fragezeichen steht bisher hinter der Entscheidung von Rasheed Wallace, der angekündigt hatte, seine aktive Karriere beenden zu wollen - bis heute aber noch keine offizielle Retirement-Flaschenpost an die NBA-Zentrale gemailt hat. Kann also sein, dass Sheed einen Rücktritt vom Rücktritt macht und uns noch ein Jahr länger mit seinen Eskapaden und phänomenalen Trickwürfen unterhalten wird.

Da man sich auf Rasheed freilich weniger verlassen kann als auf das Wort eines cracksüchtigen Junkies, und Starting Center Kendrick Perkins nach seiner schweren Knieverletzung bis zum Winter ausfallen wird, sicherte man sich heute die Dienste von Jermaine O'Neal. Über die genauen Vertragsmodalitäten war zum Zeitpunkt dieses Posts noch nichts bekannt, da die Nachricht erst wenige Minuten alt ist. Der Big Man weist Karrierewerte von 14 Punkten, 7.5 Rebounds und 1.9 Blocks in 14 NBA-Saisons auf. O'Neal (31) gilt als solider Low-Post Spieler und guter Verteidiger, wenngleich er durch zahlreiche Verletzungen die Effektivität vergangener Indiana-Tage eingebüsst hat. Dennoch eine solide Addition für Boston, die mit Kevin Garnett, O'Neal und Perkins in den nächsten Playoffs eine imposante Defensiv-Frontline aufbieten werden. Zuguterletzt ist da ja auch noch Rajon Rondo, der in der abgelaufenen Saison als Point Guard enorm gewachsen ist und die Zügel beim Ex-Champ mittlerweile fest in der Hand hält. Viele erwarten einen weiteren Jump nach vorne von RR9. Boston bleibt nach wie vor eine ernst zu nehmende Nummer in der Eastern Conference. Und ich werde so schnell nicht mehr gegen dieses Celtics-Team in den Playoffs wetten, egal wie scheintot es sich von November bis April präsentiert...