08 Juli 2010



Lebron James, der Heilsbringer, seine königliche Erlauchtheit, hat vorhin seine hoch antizipierte Entscheidung bekannt gegeben - live im US-Fernsehen, Prime-Time, beste Sendezeit. Direkt davor hatten Dwyane Wade und Chris Bosh in ständiger Begleitung mehrerer Kameracrews tagelang durch selbst inszenierte, pseudospannende Meetings und ständig wechselnde Pläne die Werbetrommel gerührt - für sich selbst, aber auch für das Produkt 'NBA'. Die Entscheidung, wo jeder einzelne von ihnen letztendlich spielen würde - da bin ich fest von überzeugt - war bereits irgendwann zwischen 2006 und 2008 gefallen, als sie in Diensten des US-Nationalteams beschlossen hatten, eines Tages im gleichen NBA-Team zusammen zu spielen.

Heerscharen von Reportern weltweit, ja Unmengen von Laien, die nicht im Entferntesten mit der Materie NBA vertraut sind, sprangen auf den 'Irrsinns-Express' auf, den Wade/Lebron/Bosh und ihre PR-Berater schnurstracks in Richtung 8. Juli 2010 manövrierten. Der Zug nahm immer mehr Fahrt auf in den letzten Tagen und drohte mehrfach zu entgleisen, bevor er letzten Endes in Absurdistan zum Stillstand kam. Ich gehe stark davon aus, dass LeDwyane Bosh sich diesen Sommer genauso ausgemalt hatten: drei Spieler vereint, im Fokus der Weltöffentlichkeit, nach Belieben die Medien manipulierend und wohlwissend, wie die Geschichte ausgehen würde, denn sie war doch längst beschlossene Sache. Die drei hielten gut dicht, das muss man ihnen zugestehen. Ganz bewusst wurde eine Art Spannungsaufbau inszeniert, mit falsch gestreuten Gerüchten und Falschmeldungen im Minutentakt künstlich aufrecht erhalten - und die Medienwelt kaufte alles ab.

Wir sollte uns alle schämen für diese Farce, die wir alle selbst mit kreiiert und unterstützt haben. Wade und Bosh sollten sich schämen, weil sie ihre Fans absichtlich in die Irre führten. Ihre PR-Berater sollten sich schämen, weil sie ihren Klienten bewusst zu dieser Taktik geraten hatten, um das Interesse an ihrer eigenen Marke künstlich wachsen zu lassen. Die Medienleute auf der ganzen Welt sollte sich schämen für die Art und Weise, wie über diese Free Agency berichtet wurde (ich bin schon länger dabei, aber so einen völlig unkontrollierten Hype hatte es nie auch nur im Entferntesten gegeben). Sondermeldungen, Quellenberichte, vertrauliche Dokumente und Millionen von Tweets/Updates im sprichwörtlichen Stundentakt. Traditionelles journalistisches Vorgehen war so gut wie gar nicht gesehen. Sensationsgeilheit und Hysterie gaben den Ton an - zu jedem erdenklichen Zeitpunkt. Lebron sollte sich dafür schämen, in einem weiteren Anflug von Narzissmus und blinder Selbstvergötterung eine einstündige Abendsendung einberufen zu haben, in der das alte Team abgewatscht und in knapp 5 Sekunden die neue Entscheidung bekannt gegeben wurde. Sein Team von Speichelleckern und Arschkriechern sollte sich dafür schämen, überhaupt kein Schamgefühl zu besitzen. (Und das Argument mit den Spendengeldern zieht nicht im Entferntesten, denn die knapp 2 Millionen hätte man auch direkt aus der eigenen Tasche abdrücken können - zumal von Lebron's neuem Deal bestimmt wieder ein ganzer Batzen für alle abspringt. Kinderspende statt neuem Jet, das wär doch mal was...)

Dieses ganze Spektakel, absurd und blödsinnig wie es nun einmal war, zeigt uns mit erschreckender Deutlichkeit die Zukunft des Sport-Entertainments auf. Lebron's Modell der abendlichen TV-Sondersendung - so lächerlich sie heutzutage noch erscheinen mag - wird in absehbarer Zeit der Standard für alle grossen NBA/Sportevents sein. Schon heute können Fans auf der ganzen Welt ihre MVP-Kandidaten ins Studio SMSen oder Dunking-Finalisten per iPhone benoten. Dieser neueste Schritt ist nur die logische Fortentwicklung, die nächste evolutionäre Stufe. Kann gut sein, dass in 20 Jahren der übernächste Mega-Free-Agent Anfang Juli im ESPN-Studio sitzt, Fans aus der ganzen Welt texten ihm das jeweilige Wunschteam zu. Der Spieler wirft eine Mannschaft nach der anderen aus dem Rennen und entscheidet sich schließlich live und direkt vor den Kameras für seinen nächsten Arbeitgeber. Welch eine Gaudi !

Die Medienlandschaft und die Art und Weise, wie wir mit der täglichen Informationsflut umgehen, hat sich ganz drastisch gewandelt. Für immer vorbei die Zeiten, in denen man mit ein paar Freaks mitten in der Nacht Jordan's Bulls dabei zusah, wie sie Craig Ehlo's Cavaliers terrosierten - und weit und breit verstand kein Mensch. Niemand wartet heute mehr auf die morgendliche Zeitung. Es wird gebloggt, getweetet, Nachrichten verbreiten sich im Sekundentakt um die Welt, alle bekommen es gleichzeitig mit. Es kann nie schnell genug gehen. Früher musste ein Sportjournalist noch recherchieren, seine Quellen kontaktieren, bevor die grosse Story publik gemacht wurde. Heute streuen die Sportler und ihre Riesenarmadas aus Agenten, Anwälten, PR- und Imageberatern selbst die News. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft so dermassen star- und imagefixiert geworden, dass Profisportler schon lange keine reinen Sportler mehr sind. Sie sind Marken, Eigennamen, rund um die Uhr auf die Maximierung der eigenen Erträge ausgerichtet. Fame und Hype sind die Devise. Wer am lautesten schreit, dem wird die meiste Aufmerksamkeit zuteil. Es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, wenn ein Spieler wie Kevin Durant (immerhin Topscorer der letzten Saison) seinen Vertrag bei den aufstrebenden Oklahoma City Thunder verlängert, diese Tatsache aber in dem ganzen Hype völlig untergeht (den fünf selbst ernannten grössten deutschen Basketball-Magazinen war das zum Beispiel nicht eine einzige Zeile wert).

Bei dieser Entwicklung war eine Sondersendung wie die von Lebron heute nur der logische nächste Schritt: TV verkündet im Twitter-Stil die neuesten Neuigkeiten, promotet gleichzeitig die Marke Lebron James sowie die Liga an sich und sammelt im Vorbeigehen noch ein paar Werbemillionen ein. Ein Schema, dass in Zukunft salonfähig wird und sich nicht nur auf die Mega Free-Agents beschränken dürfte. Auch den Brian Scalabrines und Trent Plaisteds der Liga sollte das uneingeschränkte Medieninteresse bald sicher sein. Sie haben es sich hart verdient. Bauer sucht Frau - die Free Agent Edition.

Spieler werden schon bald wirklich
alle Fäden in der Hand halten. Der Rest von uns ist zum Zuschauen und Abwarten verdammt. Ob wir das heute gut finden oder nicht, spielt absolut keine Rolle. Die Zukunft des Sportentertainment hat ganz offiziell begonnen...ESPN Special, Bitches !