16 Juli 2010


Chris Paul ist bereits weg aus New Orleans. Die Hornets wissen es nur noch nicht. Sicher, CP3 hat noch zwei Jahre Vertrag, verdient in den nächsten beiden Jahren noch knapp 30 Millionen Dollar. Doch während 10 seiner 11 Teamkollegen aus der amerikanischen Gold-Nationalmannschaft in Playoff-Teams um NBA-Titel mitspielt (alle ausser Tayshaun Prince, und der hat bereits einen Ring), dümpelt der beste Point Guard der Liga weiterhin bei den funktionsgestörten Hornissen herum. Die Franchise hat sich innerhalb kürzester Zeit von einem aufregenden, aufstrebenden Verein zu einer NBA-Lachnummer gemausert. Durch die Vorkommnisse der vergangenen Wochen und Monate schaufeln sich die Hornets ein immer tieferes Grab, verärgern ihre Fans und isolieren Chris Paul, ihren Franchise-Spieler.

Der Niedergang begann mit der Entlassung von Head Coach Byron Scott im November. Die Hornets hatten einen schlechten 3-9 Start in die Saison erwischt, was an sich kein Grund zur Sorge war. Immerhin hatte man mit Scott den Trainer des Jahres 2008 an der Seitenlinie. NO hatte 2008 seine Division gewonnen und erst im Conference Halbfinale gegen die San Antonio Spurs verloren. Dennoch musste Scott seinen Stuhl räumen, trotz reger Proteste von Fans und Spielern - allen voran Chris Paul, der mit Scott ein inniges Verhältnis pflegte.

Der Grund für Scott's Entlassung war weniger sportlicher, denn politischer Natur. Die Hornets sind ein Paradebeispiel für NBA-Teams mit schwacher hierarchischer Führung, die Grabenkämpfe und imponierende Machtdemonstration nach sich zieht. Jeff Bower, damaliger General Manager des Teams, hatte schon länger den Wunsch gehegt, sich an der Seitenlinie zu profilieren. Das Problem war Scott's durchaus akzeptabler Erfolg, seit er das schlechteste Team der Liga 2004 übernommen hatte. Als das Team eine Schwächephase durchlief, sah Bower die Gelegenheit: er feuerte Scott und ernannte sich selbst zum Head Coach. Die Hornets verpassten zum ersten Mal in drei Jahren die Postseason.

Bower verzichtete daraufhin auf seine Doppelfunktion als Coach/GM und machte sich wieder an seine Arbeit als Manager. Er holte Monty Williams, einen bisher undekorierten Rookie-Coach. Er wickelte eine Reihe von Draft-Day Deals ab, holte Luther Head als Free Agent, und spielte öffentlich mit dem Gedanken, Chris Paul zu einem Meisterschaftsanwärter zu traden, um den Neuanfang in New Orleans endlich auch ganz offiziell einzuleiten. Bower schien erkannt zu haben, dass die Zukunft dieser Mannschaft in die Hände von Spielern wie Darren Collison oder Marcus Thornton gelegt werden muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wieso Collison/Thornton und nicht CP3 ?

Die Hornets sind auch ein Paradebeispiel für geizige Besitzer, die sich ein NBA-Team wie einen Sparstrumpf halten und nicht erkannt haben, dass man so nie einen ernsten Meisterschaftsanwärter aufziehen kann, sich aber gleichzeitig bei den Fans und in Ligakreisen zum Gespött macht. Der Teambesitzer in New Orleans heisst George Shinn. So wie Jerry Buss oder Mark Cuban dafür bekannt sind, keine Mühen und Kosten zu scheuen, um ein schlagkräftiges Team auf den Platz zu schicken, so ist Shinn für seine panische Angst vor dem Luxury Tax bekannt. Da werden dann gerne mal Spieler, die für den sportlichen Erfolg des Teams unabdingbar sind, für n Appel und n Ei weg getradet. Während andere Mannschaften in den letzten Jahren also pausenlos gestandene Spieler um ihre Topstars herum versammelten, gab's für Chris Paul keinerlei Hilfe. Die Frustration des kleinen Point Guards wurde in den letzten Monaten immer grösser, Paul meldete sich vor kurzem zu Wort: "Wenn es die Hornets nicht schaffen, hier in Kürze ein Championship Team zusammenzustellen, dass zumindest um Conference Titel mistpielen kann, dann bleibt mir keine andere Wahl, als einen Trade einzufordern."

Bower hatte den Braten gerochen. Wohlwissend, dass es durch die strikten monetären Restriktionen des Knauserers Shinn unmöglich sein würde, Paul in den nächsten 2 bis 15 Jahren ein Championship-caliber Team zur Seite zu stellen, hatte er insgeheim begonnen, potentielle Trades auszukundschaften, die CP3 zu einem Contender wie Orlando oder Cleveland (vor dem Lebron-Supergau) geschickt und den Hornets im Gegenzug junge Spieler und Draft-Picks verschafft hätten. Bower hatte aber die Rechnung ohne Hugh Weber gemacht. Der Präsident des Teams ist einer der oben angesprochenen Machtmenschen, der Bower noch nie hat leiden können. Weber, der in seine Position innerhalb des Teamgefüges hinein geheiratet hat, witterte inmitten des ganzen Heckmecks die Chance, sich seinerseits ein bisschen zu profilieren. Als die philosophischen Differenzen zwischen ihm und Bower (hauptsächlich in der Personalie Chris Paul) unüberbrückbar wurden, wurde Bower gefeuert (er arbeitete währenddessen in Las Vegas mit dem Summer League Team an der nächsten Saison). Weber nannte die Entlassung zwar ein "Auseinandergehen in gegenseitigem Einvernehmen". Die ganze Welt weiss aber, wie die Hierarchie eines Unternehmens funktioniert: grosser Fisch entlässt kleinen Fisch.

Weber's nächster Move: er cancelte den Free Agent Deal mit Luther Head, dem neu verpflichteten Shooting Guard. Weber, ein Paradebeispiel für schleimige NBA-Führungskräfte, machte einen fehlgeschlagenen Gesundheitscheck Head's für eine Auslösung des erst letzten Samstag unterzeichneten Vertrages verantwortlich. Zwischen den Zeilen gelesen liest sich das so: "Dieser komische Head wurde von Bower geholt, damit will ich, Hugh Weber, nichts mehr zu tun haben, denn Bower habe ich am Dienstag höchstpersönlich entlassen...äh, in gegenseitigem Einvernehmen gegangen, natürlich..." Der Agent von Head und die Ärzte versicherten mehrmals, dass bei dem Check keinerlei Komplikationen aufgetaucht waren und Head vollkommen gesund ist. Der alte 'Spieler, den wir doch nicht mehr wollen verfehlt sein Physical' Trick, ganz schlecht vorgeführt von HW.

Weber's Handlungen sind ein klarer Anfall von Panik und ein erbärmlicher Versuch, seinen Bossen zu imponieren. Shinn spielt seit längerem mit dem Gedanken, die Hauptanteile am Team an Minderheitsaktionär und Milliardär Gary Chouest zu veräussern, tat dies bisher aber nie. Auch die neuesten Verkaufsverhandlungen stagnieren. Chouest wäre nach eigenen Angaben mehr als gewillt, Geld in die Franchise zu pumpen, um aus dem Team einen Contender zu formen, und plant deshalb mit Chris Paul. Problem ist und bleibt: Chouest hat nichts zu melden, solang Shinn die Hornets führt wie eine Sparkasse. Ob man Paul jetzt lieber traden will, um Geld zu sparen, oder doch lieber behält, um einen Titelaspiranten zusammenzustellen - das Management hat keinen Plan, keine Richtung, weiss schlicht und ergreifend einfach nicht, was es will.

Während das Team aus Louisiana also weiterhin ohne General Manager dasteht, sollte vielleicht jemand Herrn Weber klarmachen, dass die wichtigste Person innerhalb der Organisation nicht er, sondern jener kleine Aufbauspieler mit der 3 auf dem Trikot ist. Der sprach letzte Woche auf der Hochzeit seines guten Freundes Carmelo Anthony ganz öffentlich von seinem ganz eigenen Wunsch, seiner eigenen Vision der 'Big 3': Amare Stoudemire, Carmelo Anthony und er selbst, Chris Paul, bei den New York Knickerbockers. Spätestens 2012. Um sich mit Lebron, Wade und Bosh auf Jahre hinaus in den Conference Finals zu messen. Was bei den Hornets absolut und für alle Zeiten utopisch bleibt...