30 Juni 2010


Was lange schon geplant war, wurde in diesen Tagen und Wochen zur bitteren Realität: Lebron James und sein bevorstehender Free Agent Status stehen im absoluten Mittelpunkt des NBA-Zirkus. Der König und sein Fussvolk an Beratern, Managern und Freunden üben willkürlichen Druck aus auf Teams, Fans und Funktionäre, während die Liga dem ganzen Spektakel untätig zusieht.

Schon während der Finals vor ein paar Wochen, und dann während des Drafts, war Lebron James Thema Nummer 1. Verlässt er Cleveland ? Wechselt er nach Chicago ? Vielleicht doch New York ? Und welche Farbe haben eigentlich seine Unterbuxen ? Das enorme Medieninteresse und die übertriebene Berichterstattung, bei der auf gut Glück Schlagzeilen in die Welt hinaus transportiert werden, hat zum einen natürlich mit Lebrons unbestrittenen Fähigkeiten auf dem Basketballplatz zu tun. Zum anderen steckt da aber eiskaltes Kalkül dahinter und die Anmassung, immer und überall im Mittelpunkt stehen zu müssen. Die unzähligen Helfer haben massgeblichen Anteil an diesem Spektakel, denn sie leben allein vom Glanz, den Lebron James abwirft.

Da ist zum einen Lebrons High-School Posse, angeführt von Maverick Carter, dem Anführer der Truppe und so etwas wie Lebrons Business Manager. In den letzten Jahren sind die alten Kumpel im Schatten ihres berühmten Sandkastenfreundes zu wichtigen Persönlichkeiten im sozialen Gefüge der Stadt empor gestiegen. Innerhalb der Cavaliers-Organisation und in der ganzen Region Akron/Cleveland üben sie sehr viel Einfluss aus. Sie drängen selbstredend darauf, dass Lebron in seiner Heimatstadt verlängert, denn das garantiert auch ihnen weiterhin alle Freiheiten, die mit diesem VIP-Status nun einmal daher kommen - pompöser Lebensstil inklusive. Für Carter selbst hat die Sache noch eine weitere Bedeutung: er finanziert seine Marketing-Firma LRMR zu grossen Teilen mit Geldern, die direkt von Lebron James kommen. Den Goldesel will er natürlich nicht abziehen lassen, denn die Firma verdient viel weniger, als sie ausgibt. (Vielleicht braucht man auch nicht unbedingt zwei Privatjets, Mr. Carter). Carter hat sich in den letzten Jahren immer mehr an James geklammert, gibt sich gerne als sein allerbester Freund aus und hat mittlerweile den Status des obersten Entscheidungsträgers an sich gerissen. Alle Ideen und Anfragen, alle Vorschläge müssen erst von Carter abgesegnet werden, bevor sie Lebron hören darf. Carter zeigt sich in der Öffentlichkeit gerne mit Jay-Z, Warren Buffett und anderen wichtigen Persönlichkeiten. Sie sollen suggerieren, dass er selbst genauso berühmt und aus dem Promi-Alltag nicht mehr weg zu denken ist.

Der andere wichtige Mann in Lebrons Leben agiert weitaus weniger pompös und verbringt viel weniger Zeit mit dem Superstar selbst. Sein Name ist William 'World Wide' Wesley. Wesley ist der Mann in der NBA. Seine Funktion kann von keinem, der mit ihm zusammen arbeitet, trefflich beschrieben werden. Manche nennen ihn eine Art Berater, andere eine Mischung aus Scout und Agent, aber alle werden eines bestätigen: Wesley ist der am besten vernetzte Mensch in der gesamten NBA. Er hat Connections überall hin: in die Chefetagen der Clubs, zu Coaches, Scouts, Agenten, Anwälten, Presseleuten, und nicht zuletzt zu allen wichtigen Spielern der Liga. Auch HighSchool- und College-Spieler sind bereits seit dem Kindesalter mit Wesley assoziiert, der sie dann weiter vermittelt an die nächsthöhere Instanz - also College oder in die NBA. Auch die Verbindung der Spieler untereinander und zu berühmten Persönlichkeiten leitet meist Wesley in die Wege (so wie im Fall Lebron James/JayZ). Für einen detaillierten Blick in die Machenschaften von World Wide Wes und seinen krakenähnlichen Einfluss in alle Bereiche des Profi/Promigeschehens hinein empfehle ich diesen Artikel von Alex French (GQ). Wesley's Plan ist einfach, aber genau auskalkuliert: Lebron James muss weg aus Cleveland, egal wohin! Wesley wird in Cleveland nämlich niemals seine volle Macht entfalten können, denn Carter & co. sind hier schon viel zu etabliert. Also liebäugelt 'Wes' mit New York, Chicago oder New Jersey, weist diese Teams schon seit Wochen an, Platz unter dem Salary Cap frei zu schaufeln, um für Lebron die passenden Sidekicks zu verpflichten. Die Franchise, die James letztendlich an Land ziehen kann, wird Wesley auf ewig dankbar sein. Das heisst dann für ihn: noch mehr Einfluss, noch mehr Entscheidungsfreiheit innerhalb jenes Teams. Und schon ist die nächste Generation von Spielern, Coaches und Agenten, die zu ihm gehören, auf Jahre versorgt.

Es geht also um Macht. Carter und Wesley können sich gegenseitig nicht ausstehen. Carter ist Wesley's Einfluss ein Dorn im Auge. Bei den Verhandlungen, die am Donnerstag starten, will er ihn nicht dabei haben. Beide beeinflussen nach Belieben Teams und Presseleute gleichermassen, platzieren nach Gutdünken Berichte über mögliche Wechsel und geheime Treffen, über Lügen und Intrigen. Das Chaos, welches Team Lebron im Vorbeigehen hinterlässt, ist genauso gewollt. Der Plan ist perfide, narzisstisch, egoistisch - und geht genau auf.

Die National Basketball Association drückt bei diesem Spektakel beide Augen zu, tut so, als wäre dieser Zirkus legitim und vielleicht auch ein wenig so gewollt. NBA-Statuten verbieten per Gesetz eigentlich jeglichen Kontakt zwischen Repräsentanten von Free Agents und Teams vor dem 1. Juli - egal in welcher Form. Diese Regel gilt für Lebron James nicht. Während Steve Kerr und Mark Cuban vor einigen Wochen empfindliche Geldstrafen von der Liga auferlegt bekamen, weil sie den Namen "Lebron James" in einem Interview in den Mund nahmen, dürfen James' Verbündete links und rechts Absprachen treffen, wie es ihnen passt.

Ich bin mir sicher, dass Lebron James letztendlich alleine entscheiden wird, wo er die nächsten Jahre spielen will. Die Machtspielchen, die sich in seinem innersten Kreis vollziehen, üben aber dennoch einen grossen Einfluss auf ihn aus - und verraten im Übrigen auch viel über Lebron James, den Menschen. Was als schönster Free Agent Sommer aller Zeiten angekündigt wurde, hat sich in eine schmierige tägliche Lebron-Seifenoper verwandelt. So wie Lebron James und seine Speichellecker sich das immer schon vorgestellt hatten...