02 Juni 2010


Wir haben unser Traumfinale. LA gegen Boston. Im Endspiel um die NBA-Krone treffen ab heute die zwei illustresten Franchises der NBA-Geschichte aufeinander - und die meist gehassten. Die Lakers (15) und Celtics (17) haben zusammen mehr als die Hälfte aller Meisterschaften (63) gewonnen. Dass nun Celtic Green und Purple & Gold einmal mehr den Titel unter sich ausmachen, ist der treffliche Höhepunkt einer tollen Saison.

Es gibt kein besseres, kein umkämpfteres Duell im Basketball. Die Rivalität dieser beiden Mannschaften ist legendär. Nach den erbitterten Serien in den 60ern und 80ern (Boston führt in den Finals mit 9-2) wurde dieser Vergleich auch im neuen Jahrtausend wiederbelebt - in den Finalspielen 2008. Damals triumphierten die Boston Celtics in 6 Spielen und feierten ihren 17. Titel. Die Lakers hatten keine Antwort für die Toughness der Celtics und wurden wie Sparringspartner vermöbelt. Garnett, Perkins, PJ Brown und Leon Powe teilten mächtig aus, LA hatte ohne einen verletzten Bynum keine Chance unter den Körben. Die 131-92 Niederlage in der entscheidenden 6. Partie ist bis heute eine der höchsten in der Geschichte des Lakers.

Man kann also davon ausgehen, dass der Stachel der Enttäuschung noch immer tief sitzt bei Spielern wie Pau Gasol, Lamar Odom - und vor allem Kobe Bryant. Eine extra Portion Motivation also für den Shooting Guard der Lakers, der sich in Interviews aber gewohnt distanziert gibt und keinerlei Hintergedanken zulässt: "Für mich persönlich ist es egal, gegen wen es geht. Auch das ganze historische Heckmeck ist eher was für Euch Journalisten. Wir haben eine Serie zu spielen." Bryant spielt bisher die Playoffs seines Lebens und kann getrost als stärkster Akteur der Postseason angesehen werden. 29 Punkte, 5 Rebounds und 6 Assists im Schnitt sind beeindruckende Werte. Noch beeindruckender: die schwarze Mamba wird von Runde zu Runde stärker. Gegen Phoenix in den Conference Finals kam der erfolgreichste Playoff-Scorer in der Lakers-Geschichte auf 34 Punkte, 7 Rebounds und 8 Assists im Schnitt. Nun sind die Celtics nicht die Suns, vor allem nicht defensiv. Gegen Kobe wird aber kein Spieler der Grünen etwas ausrichten können. Bryant spielt wie eine Naturgewalt - man weiss was kommt, nur kann man nichts dagegen tun. Boston wird versuchen, den Ball so oft wie möglich aus Kobe's Händen zu nehmen, ihn hart doppeln und seine Teamkollegen zum Agieren zwingen.

Pau Gasol kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Spielt der beste Playoffrebounder (174, das sind 10.9 im Schnitt) seinen gewohnten Stiefel herunter - das heisst treffsicher aus der Halbdistanz und effektiv, weil bissig in der Zone, steigen die Siegchancen seines Teams. Lässt er sich aber wie vor zwei Jahren von seinem Gegenüber Kevin Garnett einschüchtern, steckt LA in Schwierigkeiten. Nun ist für den Spanier (seit langem einer der besten Big Men der Welt) der Zeitpunkt gekommen, an dem er endgültig zeigen kann, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Sein Teamkollege Andrew Bynum leidet indes immer noch an den Folgen seiner Knieverletzung (Meniskusanriss im rechten Knie). Dennoch hat AB angekündigt, spielen zu können. Seine Grösse, Defense und Toughness werden die Lakers gerne nehmen, auch wenn es nur 25 Minuten pro Spiel sein sollten. Trotz des Handicaps lässt sich mit Bynum's Playoffwerten (9 Pts, 8 Reb, 1.7 Blk) nämlich durchaus etwas anfangen. Wichtiger noch: laufen Bynum und Gasol gleichzeitig auf, hält man die defensiv starken Big Men der Celtics in Schach und die Zone einigermassen frei für Kobe's Drives and Kicks. Während vorne alle Augen auf Gasol's Spiel gerichtet sein dürften, wird in der Defensive Ron Artest zum X-Faktor für LA. Er war für genau diesen Fall nach Kalifornien geholt worden - als Lockdown Verteidiger für Lebron James, Vince Carter oder Paul Pierce in den Finals. Nun geht es also gegen Pierce, für den die Lakers 2008 keine Antwort parat hatten. Pierce dominierte damals das Geschehen und wurde zum MVP der Finalserie gekürt. Das wird sich in diesem Jahr garantiert nicht wiederholen, denn Artest ist nicht Vlad Radmanovic. Zum Beweis: in den zwei Duellen der regulären Saison erzielte Pierce gerade mal 13 Punkte im Schnitt, war bei Artest so gut wie abgemeldet. Macht Artest mit Pierce das gleiche wie mit Kevin Durant in Runde 1, sinken die Chancen der Celtics gewaltig.
Richtungsweisend wird die Spielweise der Bank werden. Mindestens ein Spieler neben Odom sollte in die Bresche springen, um Phil Jackson alternative Offensivoptionen zu bieten. Ansonsten schrumpft die ohnehin schon dünne Lakers-Rotation auf nur 6, maximal aber 7 Spieler zusammen.

Die alles entscheidende Frage im Lager der Celtics vor Spiel 1 ist: was macht Rondo's Rücken ? Nach dem schweren Sturz und der Verletzung gegen Orlando wird der neue Stern am Celtics-Firmament von schlimmen Krämpfen geplagt, die das Training unmöglich machten. Der grüne Angriffsmotor wird aber auflaufen und die Lakers vor erhebliche Probleme stellen. Rondo gehört zu den zwei besten Spielern dieser Playoffs. Schon 2008 stellte er Purple & Gold vor grosse Probleme. Seither hat sich sein Spiel stark verbessert. Seine Trefferquote und dadurch sein Scoring sind enorm gestiegen (Effective FG 48% im Vergleich zu 41%), während die Assistquote ebenfalls nach oben gewandert ist. Alles in allem ist Rajon Rondo mittlerweile der wichtigste Akteur seines Clubs.

Davon profitiert letztendlich das gesamte Team, allen voran aber Paul Pierce. Es fällt auf, dass Pierce nicht mehr so geschmeidig und produktiv wie noch vor zwei Jahren agiert. Die Dominanz vergangener Tage ist dahin. Dennoch ist der Small Forward nach wie vor der Go-to-Guy, wenn Grün einen Korb benötigt. Kevin Garnett bleibt Herz und Seele des Defensivverbunds, obwohl er nicht mehr die Spritzigkeit besitzt, die ihn zum zweitbesten Power Forward seiner Zeit machte (sein PER sank im Vergleich zu 2008 um mehr als 6 Punkte, von 23.0 auf 16.5). Dafür hält KG zur Abwechslung mal die Klappe und besticht seit Wochen durch harten, inspirierten Basketball. Sein Jumpshot fällt im Moment aus allen Lagen und ist neben seinem immer schon starken Post-Spiel zur wichtigsten Automatik-Waffe in Boston's Arsenal geworden. Einen Garnett/Rondo Pick'n'Pop, bei dem KG sich abfallen lässt, kann man heutzutage so gut wie gar nicht neutralisieren. Die Auswechselbank der C's hat sich nach den massiven Problemen zu Saisonbeginn als echter Faktor etabliert. Tony Allen (auf den wohl die Rolle des Kobe-Stoppers fallen wird), Rasheed Wallace (der aus seinem halbjährigen Tiefschlaf erwacht ist), Glen Davis und seit kurzem auch Nate Robinson verleihen Boston's Bank eine Qualität, von der LA nur träumen kann. Bleibt abzuwarten, wie schwer dieser Umstand letztendlich wiegen wird, denn Coach Doc Rivers verlässt sich viel lieber (und länger) auf seine Startformation. Die Bank ist insgesamt nicht so konstant und stark wie vor zwei Jahren (damals mit James Posey, PJ Brown, Leon Powe, Sam Cassell, Eddie House).

Geht man nach der groben Skizze, fallen oberflächlich viele Parallelen zu 2008 auf. Boston's Defense. Kobe Bryant. Bynum verletzt. Rondo's Matchup Vorteil. Die Bank der Celtics. Bei genauerem Hinsehen fallen jedoch weitaus mehr Unterschiede aus, die gegen eine Wiederholung jener Ereignisse sprechen. Zum einen sind die Celtics defensiv nicht mehr so dominant. Zwar immer noch extrem stark (etwa eine 10 auf einer Skala von 1 bis 10), aber nichts verglichen mit 2008. Wer die Saison damals gesehen hat, weiss wovon ich spreche (auf der Skala ungefähr eine 99. Die defensive Intensität jenes Teams in jeder Situation war erschreckend). Alle Celtics-Akteure sind älter, das heisst, man kann sich nicht mehr auf die Dominanz eines Garnett oder Pierce verlassen. Letzteres sowieso nicht, weil mit Ron Artest ein echter Stopper Pierce das Leben schwer machen wird. Das Lakers Team hat sich gegenüber 2008 ebenfalls verändert. Bryant vertraut seines Teamkollegen viel mehr als damals. Boston wird also mit dem '5 vs. Kobe Plan' nicht mehr so gut fahren. Dank der Additionen von Bynum und Artest ist der physische Faktor ebenfalls aufgehoben - die Lakers sind nicht mehr die Softies von vor zwei Jahren. Dafür werden sie für den immens starken Rondo keine Medizin finden.

Insgesamt erwartet uns eine harte, defensiv geführte Serie. Jeder einzelne Ballbesitz wird entscheidend. Keine 132-128 Duelle. 'Grind it out' Playoff Basketball der alten Schule. Jede Mannschaft wird mindestens ein Auswärtsspiel gewinnen. Überraschungen wird es auch keine geben, weder personell, noch taktisch. Boston spielt seine Serie von Pick'n'Rolls herunter und Allen an der Dreier-Linie frei. LA agiert aus der Triangle, isoliert Kobe oder Gasol im High Post und lässt die dann kreieren. Trotz Rondo's Aufstieg sehe ich dank Bynum, Artest und der extra Motivation nach der Klatsche 2008, als man den Celtics in Boston beim Feiern zusehen musste, die Lakers knapp vorne.


nbachef tippt: 4-3 Lakers