03 Juni 2010


Point Guard: Rajon Rondo vs. Derek Fisher
Beide Mannschaften haben es vor allem dank ihrer Balance in die NBA-Finals geschafft. Dieses Gleichgewicht umzusetzen und zu halten, ist vor allem Rolle des Point Guards. Ob er primär den Ball nach vorne bringt und die Offensive einleitet (Fish) oder aber der Motor und Taktgeber des gesamten Angriffsspiels ist (Rondo), hängt sehr von den körperlichen Voraussetzungen und dem jeweiligen Spielsystem ab. Fakt bleibt, dass sowohl Rondo als auch Fisher ihre Rollen perfekt umsetzen. Derek Fisher, der alte Mann (35) mit insgesamt 4 Meistertiteln, besticht durch seine Erfahrung und seine Effizienz in der Crunchtime. Die Schlange seiner Gegenspieler in den bisherigen Playoffs liest sich wie ein Who is Who der NBA-Generäle: Russell Westbrook, Deron Williams, Steve Nash. Trotz seiner körperlichen Defizite (Grösse, Schnelligkeit) war Fish nicht die befürchtete Schwachstelle im Defensivverbund. Sicherlich hatte er öfters das Nachsehen. Gegen Offensivspieler dieser Qualität sehen aber alle Verteidiger schlecht aus. Immer wieder gelang es Fish, sein Gegenüber in die Zone zu drängen, wo dann die Hilfe von der Weakside oder von den Langen kam. Die Gleiche Strategie wird er auch gegen Rondo anwenden. Der PG der Celtics hat sich (wie schon mehrfach erwähnt) zum wichtigsten Spieler in seinem Team entwickelt. Knapp 17 Punkte und 10 Assists im Playoff-Schnitt sind bärenstarke Werte. Sein Speed ist nicht von dieser Welt. Sein Distanzwurf hat sich stark verbessert. Man kann ihn nicht mehr wie früher einfach stehen lassen und zu Jumpshots zwingen, denn das bestraft Rondo mittlerweile. Durch sein Arsenal an Floatern und off-the-glass Hebern ist er vor allem direkt am Ring extrem gefährlich. Wer aber in dieser Serie ähnliche Zahlen wie gegen Cleveland erwartet (21 Pts, 12 Ast bei 54% aus dem Feld), der ist ein bisschen schief gewickelt.

Vorteil: Boston


Shooting Guard: Kobe Bryant vs. Ray Allen
Mann gegen Maschine. Ray Allen zeigt auch in seinem hohen Alter, warum er für die Celtics immer noch ein entscheidender Faktor ist. Dank seiner Treffsicherheit von jenseits der Dreier-Marke (42.3 Prozent in den Playoffs) weitet er die Defensive des Gegners und zermürbt seinen Verteidiger, der ihn pausenlos durch einen Wald von Screens und Picks jagen muss - eine extrem undankbare Aufgabe. Allen ist mit 16.8 Punkten im Schnitt zweitbester Celtics-Scorer in diesen Playoffs. Die Grünen verlassen sich auf seine Treffsicherheit, denn ausser ihm verfügen die Celtics (im Gegensatz zu 2008 mit House und Posey) über keinen verlässlichen Distanzschützen. Dumm nur für Allen, dass ihm irgendwann die Puste ausgehen wird, denn hinten bekommt er es mit dem besten Basketballer unserer Zeit zu tun. Der effektivste Crunchtime-Spieler seit Michael Jordan präsentiert sich in Top-Verfassung - der vielleicht besten seiner Karriere. Die Art, wie Kobe Bryant Playoff-Spielen seinen Stempel aufdrückt, war beeindruckend (29 Pts, 5 Reb, 6 Ast). Der letztjährige Finals-MVP wurde von Runde zu Runde stärker und besticht nicht nur als Punktelieferant, sondern auch als Teamplayer, der viel mehr Vertrauen in seine Mitspieler hat. Seine Intensität, sein Fokus und sein Siegeswille machen oft den Unterschied. Man darf annehmen, dass Bryant nach der Finalniederlage in jenem demütigenden 6. Spiel noch ein paar Hühnchen mit just diesen Celtics zu rupfen hat.


Vorteil: Los Angeles


Small Forward: Ron Artest vs. Paul Pierce
Das spannendste Duell der Serie wird zweifelsfrei jenes zwischen Ron Artest und Paul Pierce. Der Swingman der Celtics, erklärter Finals MVP vor zwei Jahren, wird alles daran setzen, einen weiteren Titel in seiner Heimatstadt Los Angeles zu ergattern. Seine Playoff-Werte dieses Jahr sind ähnlich hoch wie 2008 (19 Punkte, 6 Rebounds, 4 Assists), obwohl The Truth langsamer geworden ist und weitaus ungefährlicher agiert als in der Vergangenheit. Trotzdem bleibt Pierce der kompletteste Offensivspieler seines Teams und Go-to-guy, wenn es brenzlig wird. Die berüchtigten Iso-Plays für den Forward werden wir auch in den Finals bestaunen dürfen. Wie effektiv das Ganze dann sein wird, hängt sehr von seinem Gegenüber ab: Ron Artest, bester Verteidiger auf seiner Position und nach wie vor einer der wenigen Impact Defender in einer Liga, in der Defensivarbeit zunehmend unter den Tisch gefegt wird. Nach einer bescheidenen regulären Saison findet sich Artest im Spiel der Lakers immer besser zurecht. Seine Offensivausbeute wurde von Runde zu Runde besser (von 8.2 gegen OKC auf 12.3 gegen UTA auf 14.3 gegen PHX), ebenso sein Rebounding, seine Trefferquote und seine Dreierausbeute. In Spiel 5 gegen die Suns war Artest der Matchwinner mit dem Buzzer Beater zum 103-101. Eine weitere faszinierende Statistik: in den gesamten Playoffs produziert der Small Forward gerade mal 0.88 Ballverluste im Schnitt. Seine Trefferquote in den letzten beiden Runden beträgt respektable 45 Prozent. Das Bild des kopflosen Gockels, der seinem Team mehr schadet als nützt, ist nicht haltbar. Wichtigste Aufgabe Artest's bleibt aber die Defensive gegen Pierce. In den zwei Duellen der regulären Saison kam Pierce auf gerade mal 13 Punkte pro Partie bei läppischen 40 Prozent aus dem Feld.

Vorteil: Gleichstand


Power Forward: Kevin Garnett vs. Pau Gasol
Ein weiteres spektakuläres Duell findet auf der grossen Forward Position statt. Kevin Garnett, Herz und Seele seiner Mannschaft und für mich der wichtigste Grund für den Titelgewinn 2008 dank seiner pausenlosen Intensität, vor allem in der Defensive, entscheidet immer noch Spiele. Sein Fokus liegt nach wie vor in der Verteidigung, wo er den Verbund zusammenhält und pausenlos auf seine Teamkollegen (und Gegenspieler) einquatscht. Gegen Cleveland spielte Garnett seine beste Playoff-Serie (19 Pts, 8 Reb, 52% aus dem Feld, 100% Freiwürfe) und war neben Rondo der Schlüsselspieler. Seinen Sprungwurf versenkt der Forward mit beeindruckender Regelmässigkeit. Das änderte sich jedoch gegen Orlando im Conference Finale. KG kam über 10 Punkte pro Partie nicht hinaus - und das obwohl sein Gegenüber Rashard Lewis ein Totalausfall war. Entweder schonte sich der ehemalige MVP (2004) für die Finals, oder sein Knie macht ihm zu schaffen. Nicht von der Hand zu weisen ist jedenfalls die Tatsache, dass sich der 13-fache All-Star auf der Zielgeraden seiner illustren Karriere befindet. Er wird also Gasol nicht mehr wie vor zwei Jahren nach Lust und Laune in der Zone verhauen können. Denn der Spanier hat sich seither stark verbessert. Seinen Ruf als Softie wird Gasol wohl nie wieder ablegen können. Trotzdem hat sich Pau zur wichtigsten Offensivoption nach Kobe Bryant gemausert (Playoff-Schnitt 20 Punkte pro Spiel, reg. Saison 18.3). Hinzu kommen 10.9 Rebounds (die meisten Boards in den Playoffs) und knapp 2 Blocks im Schnitt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Gasol ist nach den altersbedingten Abfällen von Garnett und Tim Duncan der beste Power Forward der Liga. Seit seiner Ankunft aus Memphis vor drei Jahren erreichten die Lakers in jeder Saison das NBA-Finale.


Vorteil: Los Angeles


Center: Kendrick Perkins vs. Andrew Bynum
Gut, wenn Spieler ihre Rolle kennen. Kendrick Perkins wird niemals eine Offensivwaffe werden. Seine Aufgaben sind: Defense, Rebounding, harte Fouls, und den ein oder anderen unfairen Block setzen, um seine Guards frei zu blocken. Diese Vorgaben setzt der Mann ohne Hals perfekt um. Er verwendet oft alle ihm zur Verfügung stehenden Fouls, verteidigt aber dennoch hart und scheint diesbezüglich viel von Kevin Garnett gelernt zu haben. Perk ist der beste Shotblocker seines Teams. Offensiv lebt er von Putbacks und kurzen, entarteten Hakenwürfen, wenn seine Teamkollegen ihn finden. Zu mehr reicht sein Arsenal einfach nicht aus (nur 5.6 Punkte in den Playoffs). Seine Vorliebe für technische Fouls wird Perkins aber in Schwierigkeiten bringen. Beim nächsten T kassiert der Celtics-Center eine automatische 1-Spiel-Sperre. Andrew Bynum ist ein weitaus talentierterer Spieler als Perkins, der aber von Zeit zu Zeit etwas Perk-Nachhilfe in Sachen Intensität vertragen könnte. Noch immer macht sich Bynum auf dem Platz oft unsichtbar. Seine schwere Knieverletzung könnte allerdings etwas damit zu tun haben. Der angerissene Meniskus im rechten Knie wird auch in den Finalspielen Bynum's Einsatzzeit auf knapp 20 Minuten beschränken. Dennoch spielt Bynum, und das teilweise gar nicht schlecht. Wenn er aufläuft, erhält das Spiel der Lakers erhebliche Impulse, sowohl vorne als auch unter dem eigenen Korb. Bynum bleibt einer der Schlüssel in dieser Serie. Aufgrund seiner Verletzung und der daraus resultierenden Ungewissheit kann man hier aber nicht von einem klaren Vorteil der Lakers sprechen.

Vorteil: Gleichstand


Die Bank: LAL vs. BOS
Als die C's vor zwei jahren den Titel holten, bestand ihre Bank aus einer Vielzahl verschiedenster Charaktere, die zusammen genommen ganze Serien entscheiden konnten. James Posey, PJ Brown, Sam Cassell, Leon Powe oder Eddie House spielten effizienter und abgeklärter als so manche Startaufstellung in der NBA. Ein Großteil des damaligen Titelgewinns geht auf die Kappe der zweiten Celtics-Garde. Die diesjährige Bank-Edition besteht aus Spielern wie Tony Allen, Glen Davis und Rasheed Wallace. Obwohl qualitativ der Lakers-Bank weit überlegen, fehlt dem zweiten Anzug die Beständigkeit in seinen Leistungen. Zwar erwischt immer mal wieder ein anderer Spieler einen guten Tag, verlassen kann man sich aber auf niemanden. Ganz anders bei LA: die Bank, das ist eigentlich nur Lamar Odom. Der Kombo Guard-Forward-Center macht von allem etwas. Gegen Phoenix zeigte LO sein ganzes Potential, erzielte 14 Punkte, 12 Rebounds und über 3 Assists im Schnitt. Zwar sitzen noch ein paar andere Witzfiguren bei Lila-Gold auf den Auswechselstühlen, basketballtechnisch bewegen sich aber die meisten von ihnen irgendwo zwischen Adam Morrison und Luke Walton. Nicht sehr prickelnd. Während LA den besten Bankspieler besitzt, ist die Tiefe und Qualität bei Boston ausschlaggebend.

Vorteil: Boston


Die Coaches: Phil Jackson vs. Doc Rivers
Der eine: ein harter Arbeiter. Hatte schon vor Beginn der Saison ein gutes Gefühl, was sein Team anbelangt. Beharrte selbst in den harten Wintermonaten auf Teamarbeit und Zusammenhalt. Bestand darauf, seine alten Stars in den letzten Wochen der regulären Saison zu schonen, trotz aller Kritik. Will eventuell seine Coaching-Karriere nach den Finals beenden, um mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. 1 Meisterschaft.
Der andere: ein Philosoph, ein Denker. Erfolgreichtster Coach aller Zeiten. Implementierte die bis heute kreativste Offensive der NBA-Geschichte und hatte damit Erfolg. Spielt gerne mit den Medien, benutzt Interviewsessions, um philosophische Diskurse zu entfachen und in sokratischer Manier Journalisten zum Nachdenken anzuregen. Will eventuell seine Coaching-Karriere beenden oder woanders anheuern, weil der Club sein Gehalt kürzen will. Könnte nach diesen Finals mehr Championship-Ringe als Finger an der Hand haben.

Vorteil: Los Angeles