17 Juni 2010



In einem epischen 7. Spiel einer ebenso epischen Finalserie überleben die Los Angeles Lakers eine miserable Trefferquote von läppischen 32%, machen einen 13-Punkte Rückstand wett und gewinnen dank eines späten Laufs 83-79 und den jetzt 16. Titel der Vereinsgeschichte. Es war ein trefflicher Schlusspunkt einer fantastischen Serie.

Boston, das ohne den verletzten Kendrick Perkins antreten musste, war von Beginn an besser im Spiel und führte früh. LA hingegen traf kein Scheunentor und verfehlte 21 seiner ersten 27 Wurfversuche. Die Celtics führten zur Pause 40-34. Kobe Bryant und Pau Gasol hatten beim Seitenwechsel 20 von 26 Würfen vergeigt. Die Trefferquote der Lakers: 26 Prozent.

Boston baute seine Führung im Dritten bis auf 13 Punkte aus. Kobe Bryant verfehlte weiterhin jeden Wurf, und es sah ein bisschen so aus, als würde ihr kollektiv eiskaltes Händchen (12 verfehlte Freiwürfe) den Lakers das Genick brechen. Boston schaffte es aber nicht, daraus Kapital zu schlagen, so dass der Gastgeber immer irgendwie in Schlagweite blieb. Das sollte sich rächen für die C's.

Vor dem letzten Viertel, im insgesamt 114. Spiel der Saison, versammelte ein animierter Derek Fisher seine Truppen um sich und gab letzte Anweisungen für die letzten 12 Minuten. In einer ohnehin schon verteidigungsintensiven Partie legte Lila-Gold hinten noch ein paar Extra-Stufen zu und attackierte jetzt vorne bei jeder Gelegenheit. Boston foulte ein ums andere Mal, LA warf insgesamt 21 Freiwürfe im letzten Viertel.

Der Wendepunkt: Kobe Bryant's 3-Freiwurf-Move gegen Ray Allen und Derek Fisher's Dreier ein wenig später. Kobe, der den ganzen Abend lang kaum einen Feldtreffer erkaufen konnte, versenkte drei wichtige Freiwürfe, die Boston's Führung auf 59-58 zusammen schrumpfen liess. Derek Fisher, der nach einer Knieverletzung mehrere Minuten in der Kabine verbringen musste, kam zurück und traf einen in your face Dreier zum 64-64. Wieder mal Big Shot Fish. LA ging kurz darauf in Führung und gab diese bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand. Die Schlussphase war noch einmal verrückt, mit vier Dreiern in nur 1 Minute (3 für BOS). Die Celtics, die fast 8 Minuten ohne Feldtreffer geblieben waren, liefen plötzlich heiss. Phil Jackson wechselte Sasha Vujacic ein, und 'The Machine' versenkte 11 Sekunden vor Schluss die zwei entscheidenden Freiwürfe.

Mann des Spiels: Ron Artest. Der beste Laker an diesem Tag. Unglaublich aggressiv, bissig und abgeklärt in den entscheidenden Phasen. Neutralisierte Paul Pierce, der in den letzten beiden Partien in LA nur 11 seiner 29 Wurfversuche traf. Artest erzielte selbst 20 Punkte, holte 5 Rebounds und 5 Steals. Traf zwei riesige Dreier, unter anderem den wichtigsten genau 1 Minute vor Schluss, mitten hinein in Boston's Verzweiflungslauf. Dennoch dürfen auch Bryant und Gasol nicht vergessen werden, die im entscheidenden Spielabschnitt Verantwortung übernahmen und ihr Team auf die Siegerstrasse brachten. Kobe schüttelte eine grottenschlechte Wurfleistung ab, erzielte 10 seiner 23 Punkte im Vierten, griff sich sensationelle 15 Rebounds und war zur Stelle, als es darauf ankam. Gasol beendete die Partie ebenfalls stark und hatte am Ende 19 Punkte, 18 Rebounds, 4 Assists und 2 Blocks auf seinem Konto.

Die Stats: das Spiel beider Mannschaften war brutal und über 48 hart umkämpfte Minuten auf der höchstmöglichen Intensitätsstufe geführt. Da war nichts hübsches in diesem Duell, nichts für zarte Gemüter dabei. Die Defensive auf beiden Seiten war vernichtend. Boston traf nur 40 Prozent seiner Würfe, LA sogar nur 32 Prozent. Eigentlich kann man so kein Spiel gewinnen, schon gar nicht das entscheidende 7. in einem NBA-Finale. Aber: Los Angeles machte die schlechte Wurfleistung durch ungebremsten Willen unter den Brettern weg. Die Lakers griffen sich 23 (!) Offensivrebounds und dominierten die Kategorie 53-40. Die vielen Extra-Möglichkeiten bescherte dem Heimteam im entscheidenden letzten Viertel 21 Freiwürfe (Vorteil insgesamt: 37-17 LA). Die Lakers scorten insgesamt 30 ihrer 83 Zähler im letzten Viertel und versenkten 12 von 14 Freiwürfen in den letzten 6 Minuten der Partie. Derek Fisher erzielte 10 Punkte, darunter zwei wichtige Dreier. Lamar Odom war unter den Körben sehr aktiv mit 7 Rebounds und 7 Punkten. Während alle Lakers-Akteure ausser Ron Artest (1. Titel) ihren zweiten Ring ergattern konnten, war es für Derek Fisher und Kobe Bryant bereits Titel Nummer 5. Phil Jackson hingegen gewann den insgesamt 11. (!) Meistertitel seiner Coaching-Karriere. Damit ist Phil der erfolgreichste Profitrainer in allen grossen US-amerikanischen Sportarten.