29 Mai 2010


Echt witzig, wie die Dinge im Sport manchmal so laufen. Wer hätte vor sechs Wochen einen Pfennig auf die Boston Celtics gewettet ? Sicher, ein paar Klugscheisser da draussen werden jetzt im Nachhinein behaupten, es schon die ganze Saison über gewusst zu haben. Is klar, ne ? Aber die Mehrheit von uns, diejenigen, die zwischen Januar und April regelmässig das Spielgeschehen in der NBA verfolgten, sahen damals ein altes, verletztes, uninspiriertes Team ohne Identität, dass sich nur irgendwie in die Playoffs zu retten versuchte. Nach einem 23-5 Start in die Saison stolperte Grün mit einer restlichen 27-27 Bilanz als viertbestes Ost-Team in die Postseason.

Als die Playoffs anfingen, hielten viele Experten (ich eingeschlossen) die Celtics für zu schwach und verbraucht, um gegen die Miami Heat und deren Superstar Dwyane Wade bestehen zu können. Dann aber passierte etwas: im 3. Spiel (in Miami) entdeckte Boston seine Championship-Mentalität wieder. Die C's schienen sich urplötzlich daran zu erinnern , dass die grossen Mannschaften nach zwei Heimsiegen zu Beginn das erste Auswärtsspiel unbedingt haben wollen, um der Serie den eigenen Stempel aufzudrücken. Als, nahezu unbemerkt,
Paul Pierce mit dem Schlusspfiff zum 100-98 traf, während die ganze Basketballwelt von allen anderen Duellen im Osten und Westen hypnotisiert war, tankte Celtic-Nation die wohl entscheidende Ladung Selbstbewusstsein für den langen und erfolgreichen Playoff-Run.

Nachdem man die Heat in 5 Spielen zerstört hatte, warteten die favorisierten Cavaliers und Lebron James. Trotz der Niederlage in Spiel 1 merkte man Boston seine neu entdeckte Stärke an. Das Team wirkte plötzlich wieder geschlossen und präsentierte sich auf dem Platz als Einheit. Doc Rivers, der seit der Preseason fest an die Qualität seiner Truppe geglaubt hatte, unterstrich immerzu die Bedeutung des Zusammenhalts. Jeder konnte sehen: Boston ist sich sicher, diese Serie gewinnen und sich endgültig wieder als Meisterschaftsanwärter zurückmelden zu können. Fünf Spiele später waren die Cleveland Lebrons besiegt (4-2), und Beantown durfte sich auf ein Wiedersehen mit Orlando freuen. 

Die Magic waren wohl noch im Halbschlaf nach ihrer langen Zwischenpause: nach zwei Spielen in Florida lagen die Celtics schon mit 2-0 in Front. Obwohl sich Orlando nach 0-3 Rückstand nicht aufgab und auf 2-3 verkürzen konnte, war der Weg der Celtics bereits vorgeebnet. Im entscheidenden 6. Spiel dominierte der 17-fache NBA-Champ von Beginn an das Geschehen mit jener Spielweise, die in diesen Playoffs zum absoluten Sieggaranten für Grün-Weiss geworden ist: extrem effizienter Angriffsbasketball, gepaart mit demoralisierender, gehirnzerfressender Defensive, wie man sie noch von 2008 kennt. Jeder Akteur verteidigt, als stünde sein Leben auf dem Spiel. Vorne ist es immer wieder ein Anderer, der Verantwortung übernimmt. Keinen interessiert's, wieviele Minuten er spielt oder wieviele Würfe er bekommt. Alle stellen sich in den Dienst der Mannschaft. Nicht ein Celtic führte sein Team in diesen Playoffs in zwei Spielen hintereinander bei den Punkten an. Am Freitag übernahm Paul Pierce mit 31 Punkten und 13 Rebounds die Hauptverantwortung, nachdem Nate Robinson seine unwahrscheinliche 13 Punkte-Show im zweiten Viertel abgezogen hatte. Orlando schlich von dannen, während Boston den zweiten Eastern Conference Pokal der letzten drei Jahre in die Höhe stemmen durfte.

Entgegen aller Unkenrufe ist dieses Team schon viel weiter gekommen, als wir es alle für möglich gehalten hatten. Die Startaufstellung ist die gleiche wie in der Meistersaison. Die Defensive agiert auf dem gleichen erschreckend hohen Niveau. Und das Offensivspiel ist dank Rajon Rondo's Impulsen um einiges stärker als 2008. Das Team ist hungrig und kennt nur ein Ziel: in knapp zwei Wochen den 18. Banner der Vereinsgeschichte an die Hallendecke zu hängen. Dagegen wetten würde ich zumindest nicht mehr. Absolutes Meistermaterial !